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Joachim Roßhirt. - Bilder © Bernhard Bumb

„Brillant erzählt“, „...nur fertig“, „...phänomenal“, „Nur Schrott“

'Acht nach 8' mit Joachim Roßhirt in der Stadtbibliothek

Speyer. - Joachim Roßhirt stellt Neuerscheinungen in der Stadtbibliothek im nächsten Jahr zum letzten Mal vor. Bis dato hat der Speyerer Buchhändler zehn Jahre lang seine Hörerschaft begeistert. Künftig will Roßhirt endlich seine „Schätze“ lesen, die in seinen Bücherregalen schlummern. Bisher griff er immer zur neuesten Literatur.

 

Kerstin Bürger.

 

   Hat er 2022 abgehakt kann Roßhirt auf elf Jahre Buchpräsentationen in der „Ecarius“ zurückblicken und hat dann wohl rund 200 Bücher gelobt, zerrupft, für schön, für nicht empfehlenswert gehalten. Auch wenn Roßhirt seine eigene Wertungen vorgetragen hat, ihm konnte man mit Sicherheit sein Fazit für jedes Buch, das er zu den Veranstaltungen der Reihe „Acht nach 8“ mitgebracht hat, abkaufen. Begrüßt wurde das Publikum gestern Abend von Kerstin Bürger vom Leitungsteam der Stadtbücherei Speyer.

 

Joachim Roßhirt – letztes Mal in 2022 bei „Acht nach 8“

 

   Mitgift – dieses Buch von Henning Ahrens handelt von einer Großbauernfamilie, nachgewiesen seit 1755, mit einem Angehörigen, den Roßhirt einen „strammen Nazi“ nennt. Es gehe unter anderem durch die Generationen auch um die Vater-Sohn-Konflikte. Eine Rolle spiele eine Totenfrau. Roßhirt hält diesen Roman für „sehr stark“.

   Nachtschimmer – Ein Orgelstimmer kommt in ein „furchtbares Kaff“. Zu den Figuren gehören eine hübsche Mutter (Brasilianerin), deren zurückgebliebene Tochter, religiös angehauchte Leute. Immer wieder skurrile Zustände, grandiose Szenen, köstliche Ereignisse. Das Buch des Niederländers Maarten ’t Hart habe ihn dennoch nicht so recht überzeugt, resümierte Roßhirt.

   Mein Lieblingstier heißt Winter – Ein Kunde, der sich immer nur Ragout vom Reh bringen lässt, will in der Tiefkühltruhe, in die er massenweise Reh-Ragout eingelagert hat, sterben. Der Lieferant soll ihm dabei helfen. Roßhirt: das Buch von Ferdinand Schmalz ist abgedreht, unglaublich, schräg, bestens für einen Film geeignet, „es ist nur fertig“, hin und wieder ist „die Grammatik auf den Kopf gestellt“, er hat ab und zu beim Lesen schallend lachen müssen.

   Der versperrte Weg – geschrieben von dem nun 93-jährigen Georges-Arthur Goldschmidt. Er schreibt autobiografisch über seinen Bruder, „einen Mann, der nichts dazugelernt hatte“, stellte Roßhirt fest und fügt an: „Sehr beeindruckend“. Kurz gesagt: Die Familie, seit Generationen Protestanten jüdischer Herkunft, „als Juden aussortiert“. Überall, wo der Bruder hinkommt, waren seine weiteren Wege versperrt.

   Vom Aufstehen – von Helga Schubert. Roßhirt: „Das Buch ist eine Abarbeitung an der Mutter“. Inhalt: Krieg, Flucht, Vertreibung, eine „gnadenlose Auseinandersetzung mit der Mutter“. Die Beschreibung des 9. November sei „toll“. Als Textbeispiel wählte Roßhirt Zeilen, die vom 4. Gebot handeln: „Liebe ist etwas Freiwilliges, ein Geschenk“. Wie die Autorin mit der DDR umgehe sei „phänomenal“.

   Der Fallmeister: Eine kurze Geschichte vom Töten - „Doch noch ein schlechtes Buch“, betonte Roßhirt deutlich und ergänzt: „Dieses Buch ist eine Frechheit, es ärgerte mich wie die Sau!“ Es sei „wirr“ Inhaltlich gehe es um die Wasserversorgung der Menschheit in der Zukunft, sagte Roßhirt. Schließlich fasste er zusammen: „Nur Schrott“. Das Werk ist von Christoph Ransmayr.

   Levys Testament - „autobiografisch grundiert“, Szenen zur Terrorgruppe RAF, zur Hausbesetzer-Szene und zur Anarchie-Bewegung. Roßhirt: „Ein beeindruckendes Buch, ein Ritt durch die 1970er“ Die Autorin: Ulrike Edschmid.

   Kairos – Jenny Erpenbeck. Roßhirt: „Ein Schlüsselroman über die Intellektuellen der DDR; diesbezüglich das ideale Buch“. Zum Titel: „Kairos“ ist ein griechischer Gott, habe ihn seine Tochter, die er Altgriechisch studieren ließ, aufgeklärt. Dieser Gott habe einen Irokesenschnitt gehabt und wenn man ihn fassen wollte, dann an diesem „Schopf“. Daher der Spruch: „Am Schopfe packen“, klärte Roßhirt sein Publikum auf. Irgendwie muss dieser Gott mit dem Inhalt des Romans was zu tun haben.

   Daheim – Das Buch der Judith Hermann handle von Leuten, „die ihr Stück vom Glück suchen“. Roßhirt: „brillant erzählt“. Er habe sich „dem Reiz des Buches nicht entziehen können“.

   Harlem Shuffle – Autor: Colson Whitehead. Harlem, 1960er Jahre: die Geschichte eines einfachen Mannes, ein wenig ein Kleinkrimineller, der so ehrlich wie möglich versucht aufzusteigen. Es ist der neue Roman des zweifachen Pulitzerpreisträgers und Bestsellerautors Colson Whitehead. Roßhirt: grandios, ungeheuer spannend, schwarzer Rassismus, „je weißer um so besser“, Aufstieg vom schwarzen Milieu zum Establishment. „Dieses Buch hat Musik, es ist ein Lesegenuss“, betonte Roßhirt. - Bernhard Bumb

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