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Der ‚Spiegel‘ hat Wort gehalten

Friedhofgeschichten Teil 15

von Bernhard Bumb

Als nach einigen Tagen die Kränze von der Trauerfeier auf dem Helmut-Kohl-Grab abgeräumt waren, ließ das Magazin „DER SPIEGEL“ einen Kranz auf das Grab legen. Auf Anfrage bei der Redaktion des 'Spiegel' wurde mir mitgeteilt, dass der Kranz tatsächlich vom 'Spiegel‘ in Auftrag gegeben wurde.

Aufgrund meiner Anfrage hat die Redaktion mir dieses Interview gesendet:

 

"Für Kohl war der SPIEGEL ein politischer Feind" / Rudolf Augstein hat Helmut Kohl einen Kranz versprochen

Andreas Fritzenkötter, 58, ehemaliger Medienberater von Helmut Kohl, 86 (CDU), über das Verhältnis des Altkanzlers zum Hamburger Nachrichten-Magazin.

SPIEGEL: Unser Blatt hatte Helmut Kohl 75-mal auf dem Titel, häufiger als jeden anderen Politiker. In der Regel stand nichts Freundliches über ihn darin. Wie hat er in seiner aktiven Zeit den SPIEGEL gesehen? Fritzenkötter: Für Kohl war der SPIEGEL ein politischer Feind. Er hat sich von der Redaktion verfolgt gefühlt und hatte den Eindruck, dass der SPIEGEL ihn wegschreiben wollte. Das hat er sehr persönlich genommen und auch immer gesagt, er würde den SPIEGEL nicht lesen.

SPIEGEL: Stimmte das? Fritzenkötter: Im Prinzip ja. Seine Frau Hannelore hat das Heft gelesen und ihm dann erzählt, was drinstand.

SPIEGEL: Der SPIEGEL hat mit allen wichtigen Politikern Gespräche geführt, nur mit Kohl als Kanzler hat es nie eines gegeben. Wäre es aus Ihrer Sicht nicht klüger gewesen, den Kontakt zu suchen? Fritzenkötter: Ich bin 1989 zur Kohl-Truppe gestoßen und fand es eigentlich unmöglich, dass man so ein Feindverhältnis aufgebaut hatte. Aber ich habe dann sehr schnell gelernt, dass Kohl in der Frage eisern war. Und am Ende war es ja fast Kult, dass das führende deutsche Nachrichten-Magazin keinerlei Kontakt zum Kanzler hatte. Nach seinem Ausscheiden aus dem Kanzleramt habe ich Kohl vorgeschlagen, ob er sich nicht mit einem Redakteur treffen wolle, der nichts mit der alten Geschichte zu tun hatte. Er hat nur gesagt: "Warum soll ich das tun? Ich kann nur verlieren, und die können nur gewinnen."

SPIEGEL: Sie waren jahrelang sein Sprecher. Galt das Redeverbot auch für Sie? Fritzenkötter: Ich habe in meiner Eigenschaft als Pressemensch für Helmut Kohl natürlich mit SPIEGEL-Korrespondenten gesprochen. Wir haben uns auch getroffen, oft konspirativ, in Restaurants außerhalb von Bonn, damit das nicht so auffiel.

SPIEGEL: Wusste Kohl davon? Fritzenkötter: Ich glaube, das war toleriert. Einmal am Anfang wollte ich ihm pflichtgemäß berichten, weil ich ihn ja auch nicht hintergehen wollte, dass ich mich mit zwei Redakteuren des Bonner Büros getroffen hatte. Ich hatte gerade angesetzt, da sagte er: "Lass mal gut sein, ich will das gar nicht wissen."

SPIEGEL: Rudolf Augstein hat ihm nach dem Mauerfall in einem Kommentar mit dem Satz "Glückwunsch, Kanzler" zu seinem umsichtigen Verhalten gratuliert. Hat Kohl das wahrgenommen? Fritzenkötter: Das hat ihn gefreut. Die Ablehnung hat sich auch weniger gegen die Person Augstein gerichtet, sondern mehr gegen das Medium, dem er vorstand. Ich erinnere mich, dass wir Anfang der Neunzigerjahre mal das Wohnhaus von Konrad Adenauer in Rhöndorf besichtigt hatten, da gibt es eine Wand, an der ganz viele Kranzschleifen zum Tode von Adenauer hängen. Kohl sah die Schleife von Augstein und sagte in die Runde: "Na, von dem kriege ich bestimmt keinen Kranz." Zwei Wochen später kam ein handgeschriebener Brief aus Hamburg, eine DIN-A4-Seite mit nur einem Satz drauf: "Sie kriegen auch einen!" - Fortsetzung folgt

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Der Kranz lag nur zwei Tage auf dem Grab, dann war er verschwunden. - red

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