Aktuell

Bild/Detail by Kumbalam

Den Leichnam gekocht

Herz und Eingeweide aus der Leiche genommen / Friedhofgeschichten Teil 22 (Ende der Serie)

von Bernhard Bumb

...Sie gingen in das Sterbezimmer, stellten sich um den Toten herum und nahmen ihm seine Kleider weg, so dass der Verstorbene nackt vor ihnen lag. Dann hielten sechs der Anwesenden den Leichnam fest. Der stärkste der sieben Männer hob das Beil und – mit einem Hieb – zerstörte er das Brustbein. Dabei zerbrachen auch Rippen, was gewollt war. Ein anderer der Umstehenden holte nun das Herz aus der Leiche. Der Mann, der das Herz aus dem Leib entnahm, legte dieses in eine Urne.

  Nun öffnete einer der Männer mit einem großen Messer die Bauchhöhle, die anderen zogen dabei die Bauchdecke auseinander, ein anderer schlug mit dem Beil ganz vorsichtig den Schädel auf. Sie entnahmen das Gedärm, die Leber, die Lunge, den Magen und das Hirn. Das Hirn und die Eingeweide legten sie in eine große Urne.

 

Johann Hugo von Orsbeck. - Bild/Mittelrhein-Museum.

 

  Dann trug einer der Männer die Urne mit dem Herz zu einem Trauerwagen, dem vier Rappen vorgespannt waren. Vor dem Wagen stellten sich mehrere Reiter des Fürsten auf, an der Tete drei Reiter, diesen folgte der Standartenreiter mit Begleitreitern, den Wagen flankierten beidseitig drei Eskorte-Reiter, hinter dem Wagen warteten sechzig Berittene auf den Abmarsch zur Geburtsstadt des Fürsten. In der dortigen Stadtkirche, in der er über die Taufe gehoben wurde, war das Herzgrab schon vorbereitet.

  Der Weg zur Geburtsstadt führte durch mehrere Dörfer, in denen die Dorfältesten und die Leibeigenen am Straßenrand ihrem verstorbenen Herren die letzte Ehre erwiesen. In der Stadt standen die ehrbaren Familien, die Zünftigen, aber auch die Untertanen Spalier.

  Während die Herzurne in die Geburtsstadt des Fürsten gefahren wurde, legten Mönche den Leichnam in einen Kessel. Der Bader des Klosters, in dem der Fürst sein Leben ausgehaucht hatte, und Knechte kochten die Leiche, entfernten das Fleisch von den Knochen, das nachträglich zu den Eingeweiden gelegt wurde. Da der Fürst im Kloster starb, brachten Diener die Urne mit seinem Hirn, Fleisch und seinen Eingeweiden von seinem Schlafgemach über den Klosterhof zum Grab in der Klosterkirche.

  Die Mönche kleideten das Skelett mit edler Gewandung, mit Beinkleid und Stiefeln. Den Schädel bedeckten sie mit einem Fürstenhut und legten die sterblichen Überreste samt eines Schwertes in den Sarg. Eine Bleitafel mit den Namen, Lebensdaten und Titeln des Fürsten legte einer der Mönche unter den Schädel. Es war ein einfacher Sarg, der jedoch nach dem Eintreffen im Residenzschloss des Fürsten in einen Sarkophag aus Stein gestellt wurde.

  Bei der Fahrt zum Schloss, die sieben Tage dauerte, wurde der Trauerzug angeführt von drei Tete-Reitern, nach diesen ritten drei Trompeter, die vor jedem Dorf, durch das der Zug sich bewegte, mit Signalen die Ankunft der Leiche verkündeten. Auch in diesen Dörfern standen die Leute Spalier. Vor dem Wagen mit dem Sarg führte der Stallmeister das Leibpferd des Fürsten. Hinter dem Totenwagen, der von sechs Pferden gezogen wurde, folgten sechzig Reiter, denen sich nach und nach die Ritter aus den umliegenden Burgen angeschlossen haben.

  Nach einem symbolträchtigen Empfang des Fürsten im Residenzschloss und der Trauerfeier in der Schlosskirche trugen edle Herren den Sarg in die Krypta und von dort in die Fürstengruft. Dort nahm der steinerne Sarkophag den Leichnam auf.

  Soweit diese erfundene Geschichte gemäß historischen Überlieferungen und wissenschaftlichen Berichten zu den Themen „Herzbestattung“, „Getrennte Bestattung“.

 

Im Dom zu Speyer

  Wer in der Speyerer Kathedrale die Treppe zum südlichen Querhaus hochgeht, kommt rechter Hand zur Katharinenkapelle – offiziell auch Reliquienkapelle genannt. Wenige Schritte nach dem Eingang zur Kapelle fällt der Blick auf ein Herzepitaph (Denkmal) mit großer Herzdarstellung für den Speyerer Fürstbischof Johann Hugo von Orsbeck (* 1634, + Schloss Philippsburg in Ehrenbreitstein am 6. 1. 1711).

  Orsbeck war Fürstbischof von Speyer, Kurfürst und Erzbischof von Trier. In Speyer ließ er das Haus Nr. 5 in der Maximilianstraße als Kurie errichten, die Aufsicht über diesen Bau überließ Orsbeck einem Verwandten aus dem Hause derer von Metternich. Nach seinem Tod am Dreikönigstag des Jahres 1711 wurde der Fürstbischof in der Kapuzinerkirche Ehrenbreitstein bestattet, weil Trier im Zusammenhang mit dem Spanischen Erbfolgekrieg von französischen Truppen besetzt war.

  Die Eingeweide Orsbecks kam in die Heilig-Kreuz-Kirche, der Leichnam anno 1715 in den Dom zu Trier wo er vor dem Dreikönigsaltar bestattet wurde, Orsbecks Herz aber kam nach Speyer und fand sein Grab in der Katharinenkapelle. Ein Kreuz aus Bronze im Fußboden zeigt an, dass hier das Herz Orsbecks vor dem Epitaph bestattet ist.

 

Hintergrundwissen

  Früher war es üblich, hochgestellte Persönlichkeiten in zwei bis drei Orten zu bestattet. Das hatte praktische Gründe und Symbolcharakter. Praktisch deswegen, weil es in alten Zeiten schwierig und sogar unmöglich war, eine Leiche bezüglich des Verwesungsprozesses über weite Wegstrecken tagelang und wochenlang ohne Probleme zu transportieren. Deswegen hatte man die leicht verderblichen Teile umgehend meistens an Ort und Stelle des Todes bestattet, die Gebeine, das Skelett konnten dann bedenkenlos tagelang zum eigentlichen Grab gefahren werden.

  Die Aufteilung einer Leiche bedeutete aber auch, dass die hohe Person in zwei, drei Regionen, zu denen diese eine besondere, eine herausragende Beziehung hatte, auch nach dem Tod präsent blieb. Hinzu kam der Glaube, dass die verstorbene Person, vor allem, wenn sie ein (einigermaßen) heiligmäßiges Leben geführt hat, auch nach dem Tod aus dem Jenseits in diesen Regionen wirken könnte.

 

In der Speyerer Gruft

  Kaiser Konrad II., der Gründer des heutigen Doms, starb 1039. Sein Herz und seine Eingeweide sind in der Kathedrale Saint Martin in Utrecht bestattet, die Gebeine/das Skelett im Dom zu Speyer. Die Gebeine seines Sohnes, Kaiser Heinrich III., sind in der Speyerer Gruft neben Konrad, das Herz aber wurde in Goslar, dem Lieblingsort Heinrichs, bestattet. - bb

 

Quellen: Die Liste der Bischöfe zu Speyer (Bistumsarchiv Speyer); „Johann Hugo von Orsbeck – Erzbischof und Kurfürst von Trier (1676 – 1711)“ von Wolfgang Schmid (Winningen); „Herzbestattungen – Ewige Herzen“ in Deutsches Ärzteblatt 2011, 108(45): A-2411/C-2003 von Rudolf Stumberger; Fritz Klotz: „Speyer – Kleine Stadtgeschichte“; Libri Pretiosi - Mitteilungen der Bibliophilen Gesellschaft Trier e. V./19. Jg., 2016; Literatur zum Thema Salier.

Zusätzliche Informationen