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Kapelle Unsere Liebe Frau, auch... - Bilder © Speyer-Report

Friedhofgeschichten Teil 1: Friedhöfe und Gräber könnten dicke spannende Bücher schreiben

von Bernhard Bumb

Über die Speyerer Grabstätten, Grablegen, Gräberfelder, Kirchhöfe und Friedhöfe ließe sich ein dickes spannendes Buch schreiben. Das erste Kapitel würde mit der grauen Vorzeit beginnen und mit dem Ende der keltischen Epoche abschließen. Das zweite Kapitel würde von römerzeitlichen, frühchristlichen und fränkischen Gräbern handeln – ein riesiges antikes Gräberfeld erstreckt sich im Südwesten von der Kernstadt bis zum Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus und in den Stadtteil ‚Im Vogelgesang‘ hinein. Hier sind etwa 1.000 Gräber nachgewiesen. Ausfallstraßen der Römerstadt waren Gräber-Alleen.

  Etliche Gräber wurden reich ausgestattet, mit Spielzeug (Kindergrab), Schmuck, mit Waffen, Trinkgefäßen und Essgeschirr; den Toten soll es im Jenseits an nichts mangeln. Die Verstorbenen wurden standesgemäß gekleidet, eine edle Dame mit Schmuck, mit einem besonderen Kleid, ein Krieger mit Schild, Helm, Schwert, Speer ausgestattet. Aus einem römischen Sarkophag bargen Archäologen eine mit Wein gefüllte Glasamphore. Die Amphore ist im Historischen Museum der Pfalz ausgestellt. Der Inhalt sieht bezüglich seines Alters unappetitlich aus.

 

 ...Gotische Kapelle und Traukapelle genannt.

 

  In Speyer sind auch Kreisgräber nachgewiesen. Das waren Gräber für hochgestellte, vornehme Persönlichkeiten (Häuptlinge, ‚Fürsten‘, Clan-Chefs). Die Leichen liegen (lagen) mitten im Kreis des Grabhügels, Pferdeschädel, ausgerichtet in alle vier Winde, hatten die Aufgabe ihren verstorbenen Herren zu beschützen. Wurden Pferde komplett mit bestattet, dann sollte ihr Herr im Jenseits weiter reiten können. Ein Kreisgrab ist vor dem „Archäologischen Schaufenster“ (Gilgenstraße) maßstabsgetreu verkleinert dargestellt.

  Als das Christentum sich etablierte, entstanden Bestattungsplätze/Kirchhöfe an den Gemeinde-/Pfarrkirchen. Die Toten christlichen Glaubens sollten möglichst nahe beim Patron der Kirche ihre letzte Ruhe finden. Diese Kirchen waren anfänglich einfach und aus Holz gebaut, selten aus Stein. Stein war für repräsentative Kirchenbauten vorgesehen. Grabsteine vor- und nichtchristlicher Traditionen sowie Göttersteine hat man im Speyerer Dom verbaut – einige Exemplare sind in der römischen Abteilung des Historischen Museums der Pfalz ausgestellt.

  Der erste Friedhof der Stadt Speyer wurde 1502 angelegt. Der Speyerer Ratsherr Jost Thiel hat in jenem Jahr seinen Garten in der Vorstadt Altspeyer der Stadt fürs Einrichten eines Begräbnisplatzes ‚für Arme und Fremde‘ geschenkt. Von Jost Thiel ist sonst nichts bekannt. Vielleicht schlummern irgendwo weitere Informationen über ihn. Allerdings ist klar, wer zu jenen Zeiten im Stadtrat saß gehörte zu den führenden und vermögendsten Personen/Familien, zum Adel, zum Patriziat, zur absoluten Oberklasse.

 

 

  Nach 1500 setzt sich die Bezeichnung Friedhof für Kirchhof, Leichenhof, Totenhof und Gottesacker durch. Das Wort besteht aus ‚Fried‘ von Einfriedung und ‚Hof‘ - Bedeutung: eingefriedeter Hof, eingefriedetes Areal mit Gräberfeld. Die Einfriedung soll das Grundstück vor der Außenwelt schützen, sie soll von außen her den Frieden des Grundstücks sichern. Das Wort Friede stammt vom Mittelhochdeutschen ‚vriede‘. ‚Frithof‘ ist die althochdeutsche Bezeichnung für den eingefriedeten Bereich um eine Kirche. Die Einfriedung bestand zunächst aus Hecken, hölzernen Umzäunungen, später aus massiven Mauern. Von Weitem erkannte man Friedhöfe, die außerhalb der Wohnbebauung angelegt wurden, an einem hohen, meist zentral gesetzten Kreuz.

  Auf dem ersten Speyerer Friedhof – geschlossen 1881 – lädt der Adenauerpark (urspr. Bernharduspark, früher lutherischer und reformierter Teil des Friedhofs) zum Verweilen und Erholen ein, im östlich/südöstlichen Teil liegt der Friedhof des Domkapitels, hier erhebt sich die Kirche St. Bernhard. Kapitelfriedhof und Bernharduskirche befinden sich auf dem katholischen Teil des ehemaligen Friedhofs.

  Im Adenauerpark steht die Friedhofskapelle „Unsere Liebe Frau“ (Gottesmutter Maria), erbaut 1515/1516. Das auch „Gotische Kapelle“ und, seit in ihr standesamtliche Trauungen stattfinden, „Traukapelle“ genannte Gebäude diente kurze Zeit als Pfarrkirche für die Christen in Altspeyer und nach der Zerstörung der Stadt im Pfälzischen Erbfolgekrieg (1689) den lutherischen Einwohnern bis zur Fertigstellung der Dreifaltigkeitskirche als Gotteshaus. Seit den 1960er Jahren wird in den Sommerwochen zu Serenadenkonzerten in die Kapelle eingeladen.

  Aufgrund von Zerstörungen und Beschädigungen besteht die Kapelle nur noch aus etwa 50 Prozent ihrer ursprünglichen Bausubstanz. Innen werden Grabdenkmäler von großer Bedeutung für die Stadtgeschichte aufbewahrt. Außen, an der Südmauer, ist die Ölberggeschichte (Gefangennahme Jesu) dargestellt – frühes 16. Jahrhundert, Künstler unbekannt. Die Chorfenster handeln von Sterben, Tod und Auferstehung, sie sind Werke des Künstlers Rolf Müller-Landau (* 5. Juni 1903 in Kia Ying Chow/China, von 1910 bis 1945 in Landau in der Pfalz, + 2. Dezember 1965 in Bad Bergzabern, Mitbegründer der Pfälzischen Sezession). - Fortsetzung folgt.

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